Mo 4. Juli 2022 20:00 Uhr
Münster Erbdrostenhof
25 €, 20 € erm.

François Lazarevitch & La Fonte Barockorchester, Fabrizio Ventura

Paris!

Es gibt etwas zu entdecken: die Fürst zu Bentheimsche Musikaliensammlung Burgsteinfurt und die Paris-connection der Grafen zu Bentheim und Steinfurt im 18. Jahrhundert. Mit diesen das reiche, international geprägte Musikleben im damaligen Westfalen – und das jüngst von Fabrizio Ventura initiierte Westfälische Barockorchester „La Fonte“.

Zusammen mit François Lazarevitch, einem der führenden Barockflötisten unserer Zeit, und La Fonte lässt der ehemalige Generalmusikdirektor der Stadt Münster, der regelmäßig als Dirigent u.a. bei den Festwochen der Alten Musik Innsbruck und den Händel Festspielen Göttingen tätig ist, die alten Quellen sprudeln. An ihrem Ursprungsort wecken die Spezialist:innen für Alte Musik die faszinierende Burgsteinfurter Sammlung zu neuem Leben.

Auch am Bentheim-Steinfurtschen Hof herrschte im 18. Jh. der Pariser Geschmack, was sowohl die Bagno Konzertgalerie als auch die Zusammenstellung der Musikbibliothek der Fürsten bezeugt. Sie enthält in Drucken und Handschriften Noten u. a. von konzertanten Sinfonien, Kompositionen für mehrere Solisten und Orchester. Wurden diese am Hofe aufgeführt, so trumpften die Grafen Karl und sein Sohn Ludwig, Könner auf dem Modeinstrument jener Zeit, selber als Solisten an der Traversflöte auf.

Solist in La Fontes „Paris!“ ist François Lazarevitch. Weltweit ist der Flötist und Leiter der Musiciens de Saint-Julien für seine einfallsreichen Interpretationen traditioneller französischer Musik und die Raffinesse seiner Phrasierungs- und Verzierungskunst bekannt.

Die Fürst zu Bentheimsche Musikaliensammlung Burgsteinfurt

In der Universitäts- und Landesbibliothek Münster schlummern wertvolle Musikbibliotheken westfälischer Adelshöfe, auch die Fürst zu Bentheimsche Musikaliensammlung Burgsteinfurt. Der Musikwissenschaftler PD Dr. Daniel Glowotz untersucht sie mit Unterstützung Burkhard Rosenbergers, der die Musikaliensammlungen der Universitäts- und Landesbibliothek Münster betreut, in einem umfangreichen Forschungsprojekt und ediert ausgewählte Werke erstmals oder neu.

Im 18. Jh. kauften Grafen und Fürsten die Musik ihrer Zeit, um sie mit ihren Orchestern am Hof aufzuführen. Oftmals spielte der Herrscher selbst als Solist mit. In westfälischen Musikaliensammlungen jener Zeit findet sich u. a. Notenmaterial von Werken der damals europaweit angesagten Komponisten sowie Kompositionen der Kapellmeister, die an den Adelshöfen angestellt waren.

Graf Karl Paul Ernst von Bentheim-Steinfurt (1729–1780) war ein umfassend gebildeter Fürst, der in Paris gelebt und dort mit den Aufklärern Bekanntschaft gemacht hatte. Er liebte die Wissenschaften und Sprachen, Kunst und Musik und spielte das Modeinstrument der Zeit, die Traversflöte, konzertreif. Ab 1752 unterhielt er ein Hoforchester und ein Theater und er begründete die Burgsteinfurter Musikbibliothek, für die er Handschriften, Drucke, Operntextbücher und Theatertexte, Musikzeitschriften und theoretische Texte erwarb, zumeist auf Reisen, die er zu Opernaufführungen, Konzerten und Musikverlagen unternahm. Er ließ den Bagno-Park anlegen und baute dort 1774 die Grande Galerie pour les concerts nach Versailler Vorbild.

Sein Sohn, Ludwig Wilhelm Geldricus Ernst zu Bentheim und Steinfurt (1756–1817), führte die Sammlung bis zu seinem Tod weiter. In Burgsteinfurt war Johann Friedrich Klöffler (1725–1790) als Konzertmeister und Director Musices angestellt. Er dirigierte in der Bagno Konzertgalerie Sinfoniekonzerte, zu denen auch die Steinfurter:innen eingeladen waren. Neben Werken von renommierten Komponistenkollegen setzte Klöffler, der der Mannheimer Schule zuzurechnen ist, auch eigene Sinfonien, Kammermusiken und Klaviersonaten auf das Programm. Seine Flötenkonzerte, für seinen Dienstherrn Graf Karl geschrieben, wurden auch an den Höfen Europas geschätzt.

Die wissenschaftliche Erschließung der Musikaliensammlung Bentheim-Steinfurt ermöglicht erstmals die Rekonstruktion des Musiklebens an einem westfälischen Adelshof in der Zeit des Übergangs von der höfischen zur bürgerlichen Gesellschaft, der regional kulturelle Maßstäbe setzte. In Steinfurt war der französische Königshof tonangebend – wie genau, das verrät, in Musik und Moderation, das Konzertprogramm „Paris!“ des neuen Westfälischen Barockorchesters La Fonte.

Dieses Konzert findet auch in Marienmünster, Nordkirchen und Steinfurt statt.

Besetzung

La Fonte Barockorchester Farizio Ventura Leitung François Lazarevitch Traversflöte Daniel Glowotz Moderation

Programm

François-Joseph Gossec (1734–1829)
Symphonie op. 5 Nr. 3 D-Dur, „La Pastorella“

François Devienne (1759–1803)
Konzert für die Traversflöte Nr. 6 D-Dur

Johann Friedrich Klöffler (1725–1790)
Symphonie périodique No. 23 D-Dur

Joseph Haydn (1732–1809)
Symphonie Nr. 87 A-Dur Hob. I:87, „Pariser Symphonie“

Erbdrostenhof

48143 Münster
Salzstraße 38

Der Erbdrostenhof, 1753-1757 nach Plänen Johann Conrad Schlauns erbaut, ist eines der prächtigsten Adelspalais des deutschen Spätbarock. Bauherr war der Erbdroste Adolf Heidenreich Freiherr von Droste zu Vischering, einer der ranghöchsten Würdenträger des Bistums Münster. Schlaun hat den dreiflügeligen Bau in die Diagonale gedreht, wodurch er auf einem relativ kleinen, rechteckigen Grundstück Platz für den Ehrenhof vor dem Haupteingang gewann. Typisch westfälisch ist die mit roten Backsteinflächen und Baumberger Sandstein gestaltete Fassade.

Über dem Vestibül des Erbdrostenhofs liegt die zweigeschossige „salle à l’italienne“ mit illusionistischer Wand- und Deckenmalerei. Abgebildet sind u.a. Statuen, die Allegorien der Tugenden des guten Fürsten darstellen: Eintracht, Liebe, Hoffnung, Tapferkeit, Freigebigkeit, Milde, Friedfertigkeit. Doch gezeigt wird auch deren Gegenteil, etwa der Zorn mit einer mächtigen Schlange. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fresken von Nikolas Loder wurden von 1965 bis 1967 von Paul Reckendorfer rekonstruiert.

In Kooperation mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe | www.lwl.org