Liebe Musikfreunde und -freundinnen,

herzlich lade ich Sie, auch im Namen unserer 55 Kooperationspartner vor Ort, zum internationalen Musikfest „Summerwinds Münsterland“ mit Klassik, Crossover und Weltmusik ein. Zum achten Mal nehmen wir im Münsterland, was in Europa noch immer einzigartig ist, einen Sommer lang die Holzbläser:innen in den Fokus. Exzellente Musiker:innen in traditionellen und innovativen Ensemblebesetzungen präsentieren an attraktiven Spielorten 50 Konzerte mit Programmen, die sonst nur selten zu erleben sind.
Hochkarätige Interpret:innen und Oasen des Hörens
International gefragte Solist:innen und Ensembles, Große Namen und Rising Stars, Musiker:innen, die Geheimtipp, und solche, die lange etabliert sind, eröffnen uns die reiche Klangwelt der woodwind instruments. In klassischen Standard- und in neuen, auch genre- und kulturübergreifenden Ensemblebesetzungen sind Vielfalt, Grenzenlosigkeit und Kreativität der Holzbläserwelt zu erleben. Unsere Konzertorte, nicht nur die sechzehn Kirchen, die architektonisch ja von vornherein als Orte des Innehaltens, der Achtsamkeit und Andacht konzipiert wurden, sind Oasen des Hörens. Sie fördern unsere Fokussierung auf die Musik, zumal wir sie optisch in Szene setzen, behutsam – damit Sie sich von der Musik und den Interpret:innen ganz und gar mitnehmen lassen können.
Zephir und Aura – Winde und Atem
Nur der schnellen Verständigung halber spreche ich von „Klassik“, „Crossover“ und „Weltmusik“ so, als gäbe es das alles in Reinkultur. Dabei ist wohl kaum eine Kultur, ist kein Genre rein. Immer haben Kulturen, wo sie aufeinandertrafen und trotz aller Kämpfe und Konkurrenzen, sich auch miteinander vermischt. Immer haben Menschen sich ausgetauscht, einander angezogen, geliebt. Immer haben offene, kreative Geister das, was für sie „fremd“ und „anders“ war, gesucht. Es gefunden und geachtet, ihm vertraut und sich deshalb mit ihm von innen heraus, liebend, vertraut gemacht.
In diesem Sinne verstehe ich Sandro Botticellis berühmtes Gemälde „Geburt der Venus“, dem wir die Bildmarke der Summerwinds verdanken. Längst stehen die Allegorien des Renaissance-Malers für mich nicht mehr allein für den Westen: Zephir, der kräftige Westwind, und Aura, die sanfte Morgenbrise, welche Rosenblüten, die Flora, den Frühling – ihn symbolisiert die Hora, die Jahreszeitengöttin, rechts – ans Ufer wehen und mit ihm Venus-Aphrodite.
Für mich ist das Windgötter-Paar Bild für die vielen Winde der Welt, für den Wind überhaupt, Luft und Atem, die physisches Leben bewirken. Und ich lese sie – dafür stehen Wind, Hauch, Atem traditionell – auch als Symbol für den Geist, das geistige Leben, für geistig-seelische Kommunikation, Lebendigkeit.
Die Winde blasen außer dem Frühling Venus-Aphrodite, die schamhafte Göttin der Schönheit, der Liebe und des erotischen Verlangens, ans Ufer, wo die Menschen wohnen. Erst durch die Schönheit, denke ich weiter, auch die Schönheit der Kunst, und durch ganzheitliche Liebe beginnt Leben. Doch wohl nur dann, wenn die Winde dafür günstig stehn, die Gottheiten es wollen und helfen.
Die Renaissance mischte heidnisch-antike mit christlichen Bildern und Philosophien. Es ist etwas Göttliches, eine Kraft, größer als wir, physisch und in Begriffen nicht greifbar, die Leben und Schönheit schenkt. Die Alten erfanden dafür vielfältige Symbole und Allegorien, Mythen und Göttergestalten. Juden und Christen sprechen von ihrem einen transzendenten Gott und verbinden mit seinem Wirken die Bildfelder Wind, Atem und Hauch. Es ist der göttliche Geist, der das Leben lebendig, der uns lebendig mache, in unserem Sein und Denken und Fühlen. Mit unserem Geist haben wir an ihm teil. Er trage und durchwehe alles, ohne Anfang und ohne Ende. Das christliche Pfingstfest erinnert daran.
Aphrodite wird aus dem Schaum der Wellen geboren, sie entsteigt dem Wasser, das alles und alle in einem Leben unzählige Male durchströmt. Sie wird von Zephir und Aura getragen, vom Wind, der die Welt umweht und die Wasser bewegt, von der Luft, die alle Körper durchdringt, die wir ein- und ausatmen, in Ruhe zwölf bis fünfzehnmal, insgesamt fünf Liter pro Minute, bei Anstrengung bis zu zwanzig. Macht dies nicht insbesondere ein Bläserfestival, englisch: ein winds-Festival bewusst: „Wir sind im Atem mit allem anderen Leben verbunden, und zwar sehr intim. Die Luft geht sehr tief, dieses Atem-Austauschen geht noch tiefer, ist fast noch intimer als sexueller Austausch“ (Michael von Brück). Wie mit unseren Körpern durch das Wasser, die Luft und den Atem sind wir in unserm Fühlen und Denken durch Kommunikation lebendig und alle miteinander verbunden: sprechend oder musizierend, hörend und liebend. Diese Verbundenheit ist unsichtbar. Wie die Musik, die erklingt.

Starke Erfahrungen von Musik
Musik macht etwas mit uns! Das wissen wir alle. Deshalb hören wir Musik. Im Hintergrund, als atmosphärischer Schleier und aus der Konserve, deckt Musik die Langeweile leerer Geschäftigkeit und Gespräche zu. Sie legt sich über das Gefühl des Immergleichen und die alltäglichen Routinen, die Empfindung des Alleinseins, die Angst vor der Einsamkeit und dem Vakuum, das diese aufreißt. Fast unmerklich hellt sie unsere Stimmung auf, oder aber sie zieht uns, passen wir nicht auf, herunter. Im Supermarkt soll sie Kauflust und Konsum befördern, im öffentlichen Raum markiert der Sound der Boombox das Areal, das jemand für sich und seine Clique reklamiert …
Aber da ist noch die andere Art, Musik zu erleben, in einer starken, manchmal existenziellen Erfahrung. Wenn wir Musik, starke, nicht seichte, fokussiert hören und uns mit ihr bewusst in Resonanz sein lassen, wenn wir sie so achtsam hören, als gäbe es gerade nichts anderes auf der Welt. Im schönsten Fall machen Live-Konzerte solch eine absorbierende Hörhaltung möglich. Um diese starke Erfahrung von Musik, um „peak experiences“ (Abraham H. Maslow) aus „deep listening“, um Gipfelerfahrungen aus tiefem Zuhören, geht es mir bei den Summerwinds und allen Konzerten, die zu programmieren ich das Glück und die Freude habe.
Das ist hoch gegriffen, ich weiß. Doch den Versuch ist es wert – vor allem in dieser Zeit, da wir so gestresst und bedrückt sind. Dabei klagen wir auf Luxusniveau, finden doch die Kriege, Hungersnöte, Obdachlosigkeiten, Diktaturen für uns zumeist weit weg und medial nur statt. Dennoch belasten sie uns, denn wir fühlen uns verbunden „in Atem und Wind“ und leiden mit den Menschen in Not. Aber unser Herz ist auch schwer von Angst und Furcht, Kleinmut und Trübsinn wegen der handfesten wirtschaftlichen und politischen Folgen der fernen Ereignisse für uns. Und haben nicht die aktuellen Formen des Zivilisationsbruchs unsere Hoffnung, dass die Menschheit sich hin zum Besseren entwickle, nicht schon zunichte gemacht, und nicht auch das Bild, das wir von uns selber haben, infrage gestellt?
David und Saul – Musik als Therapie
Was hat das mit starken Erfahrungen von Musik zu tun? Viel. Denn sie können uns helfen, unser Leben zu bestehen, helfen, dass es gelingt. Dass Musik hilft, wussten schon die Alten. In zwei der Summerwinds-Kirchen erinnert der Orgelschmuck daran. So thront hoch auf den Orgelprospekten der Barockkirchen St. Pankratius in Rinkerode und St. Franziskus in Zwillbrock die Figur des alttestamentlichen David mit einer Harfe. David, der um 1.000 v. Chr. gelebt haben soll, war Hirte, bevor er in der Nachfolge Sauls König von Israel wurde. Er gilt als Stammvater des Messias bzw. Jesu Christi, im Islam als Prophet. Die Harfe weist ihn als Dichter zahlreicher Psalmen, die er zur Harfe sang, aus.


In unserm Zusammenhang erinnert die Davidfigur jene Episode aus dem 16. Kapitel des 1. Buches Samuel, die als „Gründungsdokument“ der Musiktherapie und als Muster einer starken Musikerfahrung, von deep listening, gelten kann: Gott hat Saul einen „bösen Geist“, schlimme Melancholie, geschickt. Damit David ihm mit seinem Harfenspiel die Schwermut vertreibe, wird der junge Hirte an den Königshof geholt:
„Sooft nun ein Geist Gottes Saul überfiel, nahm David die Harfe und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul erleichtert, es ging ihm wieder gut, und der böse Geist wich von ihm.“
Modern gesprochen: Klang ist Ausdruck und Klang ist Regulativ. Was Literatur und Musik, Philosophie, Psychologie und Religion „immer“ wussten, dadurch dass sie unser subjektives Erleben reflektierten, sucht die Wissenschaft heute durch Messungen von Hirn- und anderen Körperfunktionen objektiv zu beweisen. Demnach werden die Regionen des Gehirns, die die Emotionen steuern, beim tiefen Musikhören aktiviert, die Atmung verlangsamt sich, die Herzfrequenz wird reduziert, der Muskeltonus und der Spiegel des Stresshormons Cortisol sinken. Geistig-seelische und körperliche Verkrampfungen lösen sich. Die finstren Gedanken, Ängste, Fantasien werden transformiert, indem sie durch die Musik Form und Struktur gewinnen und dadurch alternative Denkinhalte und Imaginationen, Stimmungen und Gefühle möglich werden. Saul kann sich zu sich selbst neu in Beziehung setzen, wird wieder Herr seiner selbst und findet zurück zu den Menschen und zur Welt – wenn auch nicht dauerhaft, so doch temporär. Und später immer wieder, denn er nahm David an seinen Hof.
Existenzielles Musikerleben
Aber es gibt noch Berichte von einer anderen starken Erfahrung beim tiefen Musikhören, einer hellwachen Entrückung. Es heißt, beim Hören sei die Fokussierung auf die Musik total, man sei absolut von ihr absorbiert gewesen. Das eigene Ich und der Körper, Raum und Gegenständlichkeit hätten sich aufgelöst, die auf Etwas gerichteten Gedanken seien wie weggeblasen gewesen, die Zeit habe sich verflüchtigt zu reiner Gegenwart. Ein bewusster Zustand tiefster Ruhe, ein Schweben und sanftes Wehen und ein Gefühl höchster Lebendigkeit und Kraft und eines universalen Einsseins seien eingetreten, vollkommene Präsenz. „Die emotionale Reaktion der peak experience hat den besonderen Geschmack des Wunders, von Ehrfurcht, Verehrung, Demut, von Hingabe oder Selbstaufgabe aus dieser Erfahrung als Erfahrung von etwas Großem heraus. Eine solche Erfahrung wird gelegentlich auch als heilig beschrieben.“ (Alf Gabrielsson)
Eine existenzielle Erfahrung, die nur möglich ist jenseits des Alltags und alltäglicher sinnlicher Wahrnehmung, die etwas begrifflich nicht Fassbares, etwas Unfassbares und Vorbewusstes öffnet. Ist sie ein bloßes Traum- oder Rauscherleben von schierem Schein? Oder aber eine Erfahrung von Wirklichkeit, der tieferen Wirklichkeit der Welt und des Ich? Kommen wir durch Musik mit einer Schicht der Existenz in Kontakt, die uns sonst zumeist verborgen bleibt?

Mit welchen Prozessen im Gehirn dieses Erleben und diese Selbstwahrnehmung korrelieren, wollen u.a. die neuen Forschungsdisziplinen Neuroästhetik und empirische Ästhetik herausbekommen. Bisher können sie dazu zwar Thesen formulieren, aber noch keine eindeutigen, beweiskräftigen Ergebnisse vorlegen. Ob sie, wenn sie diese hätten, allerdings die Frage nach der objektiven Realität des Erlebten beantworten könnten, bleibt offen. Begnügen wir uns hier mit unseren subjektiven Beschreibungen unserer peak experiences und fassen sie kühl zusammen: Man habe Transzendenz erfahren. Und nennen wir das Große, das uns – auch – beim starken Erleben guter Musik widerfahren kann, ein Geheimnis.
Starke Worte – ich weiß. Lassen wir es drauf ankommen und uns von den Summerwinds durchwehen! Von den leichten Brisen wie von den Stürmen. Mit dem GWK-Team und unseren Kooperationspartnern vor Ort sowie im Namen unserer Förderer, denen ich von Herzen danke, heiße ich Sie bei unserem internationalen Holzbläserfestival willkommen.
Ihre
Susanne Schulte